Echte Mädchen spielen Querflöte.


Zumindest schmückt diese Weisheit einen Turnbeutel, der im Internet angeboten wird. Aber stimmt sie auch?

Mehr als 14 Millionen Deutsche spielen ein Instrument, wobei Jugendliche hierbei an vorderster Stelle stehen. Darf man der Statistik des Deutschen Musikinformationszentrums (Miz) glauben, dann haben sich ca. zwei Prozent der musizierenden Amateure in Deutschland für die Querflöte entschieden. Ähnlich verhält es sich bei Saxophon oder Violine. Dennoch gibt es hier Unterschiede. Denn diese zwei Prozent setzen sich auf verschiedene Weise zusammen. Bei der Querflöte ergibt sich dieser Prozentsatz aufgrund des Durchschnitts von einem Prozent musizierender Jungen und Männer und drei Prozent Mädchen und Frauen. Fragt man Musikpädagogen, die Querflöte unterrichten, so erhält man für diese genderspezifische Verteilung durchaus eine Bestätigung. Auch beim Geigenspiel liegt der prozentuale Anteil der Mädchen übrigens höher, während sich mehr Jungen als Mädchen dem Erlernen des Saxophonspiels widmen.

Ist die Querflöte damit also ein für Mädchen typisches Instrument? Und darf man damit vermuten, dass die Turnbeutel-Weisheit richtig liegt?




Bei den Erwachsenen sieht die Verteilung schon wieder anders aus


Es mag ja sein, dass sich unter den Querflöte spielenden Mädchen „echte“ Mädchen befinden, was immer man auch darunter versteht, aber keineswegs beschränkt sich die Beliebtheit der Flöte auf das weibliche Geschlecht. Dies lässt sich beispielsweise dadurch feststellen, dass die Männer in vielen professionellen Orchestern in den Flöten-Sektionen den Frauen zahlenmäßig mindestens ebenbürtig sind, wenn nicht sogar überwiegen:



Allerdings gilt es bei dieser willkürlichen Auswahl zu beachten, dass die Wiener Philharmoniker bis vor kurzem insgesamt ausschließlich männlich besetzt waren und erst in den letzten Jahren auch Frauen zuließen. Ein Beispiel hierfür ist die Flötistin Karin Bonelli, die seit dem Jahr 2012 als allererste (!) Frau die Flöte bei den Wiener Philharmonikern spielen darf.

Doch diese Auswahl ist sehr willkürlich, denn es gibt natürlich genauso viele Gegenbeispiele:



Tatsächlich wäre es durchaus interessant, alle namhaften Orchtester hinsichtlich der Geschlechtsverteilung bei den Flöten zu untersuchen. Falls jemand eine entsprechende Statistik kennt: Er möge sie mir zukommen lassen!




Ist die Querflöte nun also eher typisch weiblich?


Die Schweizer Musikjournalistin Lislot Frei beschreibt die Instrumente Flöte und Harfe in einem Online-Artikel des SRF als „traditionell typische Fraueninstrumente – fest in Frauenhand“. Sie führt dies auf gesellschaftliche Gründe zurück, die aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert stammen. Zu dieser Zeit war es Frauen verwehrt, die Musik als Beruf zu ergreifen. Und der Amateurbereich, also musikalische Vereine und Orchester, waren fest in männlichen Händen.

Sicherlich prägt diese bürgerliche Tradition unser heutiges Denken noch immer in einem starken Maß. Anders kann man sich die Instrumentenzuordnung zu den verschiedenen Geschlechtern eigentlich nicht erklären. Wieso soll eine Frau schlechter Posaune spielen als ein Mann und wieso sollen Mädchen den Klängen von Flöte und Harfe mehr zugänglich sein als Jungen? Eine Klang bedingte Erklärung hierfür gibt es eigentlich nicht. Andererseits gibt es allerdings viele Gegenbeispiele zu diesem überkommenen Denken.




Sind Männer vielleicht doch die besseren Posaunisten?


Ein eindrucksvolles Beispiel für dieses altmodische und unbegründete Denken lieferte der bekannte Dirigent Sergui Celibidache. In seiner Zeit als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker verwehrte er der – eigentlich als Solo-Posaunistin engagierten – Posaunistin Abbie Conant den Part der ersten Posaunenstimme und verwies sie auf die zweite Position. Und dies über dreizehn Jahre mit der irrigen Begründung, dass eine Frau die physischen Anforderungen für das Spiel der Posaune nicht mitbringen könne. Conant prozessierte und absolvierte Lungentests sowie Vorspiele und erhielt schließlich die ihr zustehende Position. Ähnlich verhält es sich mit vielen anderen Instrumenten auch, und natürlich ebenso mit der Querflöte.

Denn wenn man unvoreingenommenen Kindern im Kindergartenalter verschiedene Instrumente vorspielt und sie wählen lässt, welches Instrument sie denn gern lernen möchten, findet eine große Streuung statt. Dies haben verschiedene einschlägige Versuche bewiesen. Keineswegs entscheiden sich hierbei alle Mädchen nun für die Flöte oder die Harfe, und auch die Jungs wollen nicht nur trommeln und trompeten.

Die Einteilung der Instrumente in weiblich und männlich bedarf also einer dringenden Überarbeitung.

Gustav Mahler sagte während seines Aufenthalts in den USA vor mehr als hundert Jahren: Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich nach Wien zurück. Denn hier geschieht alles zwanzig Jahre später. Hoffen wir also in unserem heutigen Zeitalter der schnellen Kommunikation, dass die Kunde, dass Frauen die mindestens ebenbürtigen Musizierenden sind, die Wiener Philharmoniker nicht erst nach zwanzig Jahren erreicht.


Harry Schröder


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